Alexander Moszkowski (1851-1934)

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Der künstliche Scheintodt.
 
 

Ein Herr Rotura in Australien hat es fertig gebracht, Menschen und Thiere durch ein von ihm gefundenes Gift auf beliebige Zeit scheintodt zu machen, kalt zu stellen und nach Wochen oder Monaten durch ein Gegengift zu neuem Leben zu erwecken.

Herr Rotura ist bescheiden genug, von seiner Erfindung nur das Emporblühen Australiens zu erhoffen, indem er vorläufig nur an die erleichterte Verschiffung lebenden Viehes nach England denkt. Unserer Ansicht nach liegt indeß der Schwerpunkt der künstlichen Scheintödtung ganz anderswo; wir haben dabei selbstverständlich die Anwendung auf den Menschen im Auge und denken in erster Linie an die nunmehr ermöglichte Herstellung

Künstlicher Schlachtfelder. Wir verstehen hierunter ein internationales Maneuverspiel, welches dazu dienen soll, der Kriegslust der Völker ohne Menschenopfer Genüge zu thun; man hat hierzu nur nöthig, eine beliebige Fläche mit uniformirten und roturirten Menschen zu bedecken und das Uebrige der Phantasie der Kriegsreporter zu überlassen. Da die auf dem Felde der Ehre Scheingemähten bei nächster Gelegenheit wieder in Reih und Glied eingestellt werden können, so ergeben sich sehr bedeutende Ersparnisse an Schießbedarf, Charpie, Verbandsmaterial und Invalidenfonds. Zur Erhöhung der Illusion können Scheintodtenämter abgehalten, Scheinverlustlisten ausgegeben werden etc.

Die Personenfracht auf Eisenbahnen und Dampfschiffen wäre ein weiteres Ergebniß. Größere Reisen stellen sich erheblich billiger, wenn man, statt ein Passagierbillet zu lösen, sich scheintödten, verpacken und als Cello aufgeben läßt.

Der Bühnen-Scheintodt in Trauerspielen wird sich besonders für die Meininger empfehlen. Nichts verkümmert den Genuß der tragischen Dramen derart, wie der Anblick athmender, vielleicht sogar sich unwillkürlich bewegender Theatertodten. Erst nach Einspritzung des Roturagiftes wird eine wirklich stilgemäße Wiedergabe jener Stücke zu ermöglichen sein. Es versteht sich, daß dem Publikum nach Schluß der Aufführung gestattet sein muß, sich auf die Bühne zu begeben, um sich von der völligen Leblosigkeit der betreffenden Helden und Heldinnen zu überzeugen. 

Der Nachruhm bei Lebzeiten dürfte wohl bald als die schönste Frucht zu preisen sein. Bekanntlich spielen die meisten Dichter, Tonkünstler etc. so lange sie noch leben eine höchst klägliche Rolle; nach ihrem Tode pflegt man sie zu feiern, ihre Werke massenhaft zu kaufen, ihnen Statuen zu setzen und was des Nachruhms mehr ist. Der Betreffende wird sich nunmehr einfach scheintödten, begraben und, sobald der Nachruhm angefangen hat, exhumiren lassen, um in aller Ruhe seine Unsterblichkeit zu genießen und sich, wie der Reichskanzler, die Freiheit zu nehmen, neben seinen Standbildern in Fleisch und Bein einherzuwandeln.

Diese Andeutungen mögen genügen, um die Vorzüge der Erfindung zu beleuchten; dieselbe stellt sich dem Charakter nach zwar ähnlich dar, wie die des Doctor Peschke, welcher die künstlichen Hühneraugen erfand, während sie dieser, wie wir gezeigt haben, an Tragweite weitaus überlegen sein wird.