Alexander Moszkowski (1851-1934)

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Die Steuer-Ausstellung.

(Bericht aus dem Jahre 1890.)
 

 
Heute Vormittag 10 Uhr wurde die internationale Steuer-Ausstellung auf dem Tempelhofer Felde eröffnet. Die Feier ward vom herrlichsten Wolkenbruche, bei dem man vom Regen in die Traufe kam, begünstigt. Der Gedanke, die verschiedenen Leistungen aller Völker auf dem Gebiete des Steuerfaches zu einem übersichtlichen Gesammtbilde zu vereinigen, ist für uns um so schätzbarer, als sich bei dieser Gelegenheit wieder einmal auf's Deutlichste herausstellt, daß das so viel geschmähte Deutschland auch in diesem Zweige nicht nur jede Concurrenz mit den andern Staaten getrost aushalten kann, sondern selbige in vielen Punkten weitaus überflügelt. Indem der preußische Finanzminister in seiner Eröffnungsrede diesen Gesichtspunkt besonders betonte, gab er zugleich der Hoffnung Ausdruck, daß die aus der neuen Ausstellung zu ziehenden Erfahrungen Veranlassung zu neuen Anstrengungen auf dem schwierigen, aber dankbaren Felde der Steuerfabrikation bieten werden.

Es folgte sodann der Rundgang der Geladenen durch die Ausstellungsräume. Die Aufmerksamkeit galt zunächst den sinnreich arrangirten Zimmereinrichtungen: man sieht der Reihe nach ein deutsches, englisches, französisches etc. Zimmer, in welchen der Steuermann nebst nachfolgendem Executor gehaust haben. Schon hier zeigt sich die Ueberlegenheit unseres Vaterlandes unzweifelhaft, denn das deutsche Zimmer ist total leer; selbst die Nägel in der Wand und die Gardinenhaken sind abgepfändet.
Von hier gelangt man zu dem prachtvollen Wilberg'schen Cyklorama "New-York", welches als Allegorie der durch fortgesetzte Anwendung der Steuerschraube bewirkten Auswanderung aufzufassen ist. Gleich darauf sieht man eine doppelte Ausstellung vergoldeter Pyramiden, deren erste den Goldwerth der in verschiedenen Staaten jährlich erzielten Steuern darstellt, während die zweite den Werth der versprochenen und nicht gehaltenen Steuererlässe versinnbildlicht. In beiden Reihen steht die deutsche Pyramide als Siegerin da. Daneben haben Castan und Präuscher einige besonders merkwürdige Wehrsteuerpflichtige in Wachs ausgestellt, doch ist ein längeres Betrachten für Schwachnervige nicht rathsam. In dem anstoßenden Quittungssteuersaale begegnen wir unter Anderm den wohlbekannten Markstempeln, welche den Theaterbillets, wie den Fünfzigpfennigstempeln, welche den Fahrscheinen der Pferdebahn aufgeklebt werden.

Wir gelangen von hier aus in eine wegen ihres Inhalts höchst merkwürdige Rotunde. Sämmtliche in ihr aufgestellten Gegenstände stammen nämlich aus dem Auslande und waren trotzdem frei von jeder Eingangssteuer. Wir erwähnen hier namentlich die Skelettfragmente von Ichthyosauren, Plesiosauren und Pterodaktylen, ferner Wasser vom heiligen Ganges und echten Staub aus der Sahara. Auch einiges steuerfreies Vieh, wie Hirschkäfer, Ochsenfrösche, weiße Mäuse etc. ist in dieser Rotunde vertreten.

Wie überall auf Ausstellungen so begegnen wir auch hier einer Anzahl von Dingen, die mit dem strengen Grundcharakter der Veranstaltung nicht ganz harmoniren. Treten wir in den Garten, so bemerken wir links eine Würfelbude, zu deren Besuch die Passanten von einem speculativen Gedächtnißkünstler eingeladen werden. Jeder Wurf mit 3 Würfeln kostet 10 Pfg. excl. Knobelsteuer. Wirft man über dreizehn, so sagt der Budenbesitzer sämmtliche deutschen Steuern ohne Steckenbleiben und Anstoßen her, wirft man unter dreizehn, so hat man verloren und der Mann sagt nichts.

Wie schon bei früheren ähnlichen Gelegenheiten haben auch hier wieder die Herren Friedländer und Sommerfeld in einem besonderen Pavillon eine Filiale ihres Bankgeschäfts eingerichtet. In dieser finden Liebhaber der Börsensteuer reichlich Gelegenheit, ihre Neigung zu befriedigen. Auch sind die Loose zur Ausstellungslotterie à 1,75 Mark (incl. 75 Pf. Loosstempel) zu haben.

Diese Lotterie beschäftigt die Ausstellungsbesucher schon jetzt auf das Lebhafteste, und in der That sind auch die zur Verloosung angekauften Gegenstände durchaus geeignet, das allgemeine Interesse zu erregen. Da finden sich hübsche Papierkörbchen, welche denen nachgebildet sind, in die die Steuerbehörden die Reklamationsgesuche zu werfen pflegen, ferner artige Spielwaaren, unter denen wir die automatischen nationalliberalen Bewilligungs-männchen hervorheben. Nicht übel wird dem resp. Gewinner auch ein Fäßchen Steuerschnaps bekommen, mittelst dessen jeder Steuer-Aerger betäubt werden kann. Weitere Gewinnste sind: ein Flakon mit Steuer (Ess-)Bouquet, ein Buch betitelt "Der kleine Steuerzahler in der Westentasche, oder die Kunst, auf 24 Arten sein Vermögen in Steuern durchzubringen", etc.

Schon hier wollen wir in Kurzem der internationalen Jury gedenken, welche am Schlusse der Ausstellung Medaillen, Ehrenpreise und Diplome an die besten Leistungen vertheilen wird. Die große goldene Medaille soll an den Aushecker der hervorragendsten Steuer, das heißt derjenigen Steuer, die bei größter Belästigung des Publikums und kleinster Controlirbarkeit den relativ geringsten Betrag abwirft, vergeben werden. Man nimmt an, daß diese Medaille in Berlin bleiben wird.
Auch von Industriellen aller Art ist die Ausstellung reichlich beschickt worden. Wir finden hier beispielsweise Mikroskope, mittelst deren die modernen unter dem Einfluß der Korn-, Mahl- und Backsteuer erzeugten Semmeln sichtbar gemacht werden, wie auch dauerhafte Stricke, Revolver und Chemikalien, durch deren Anwendung geplagte Steuerpflichtige weiteren Zahlungen vorbeugen können.
Für die Erfrischung ist durch den kleinen, den mittleren und den großen Poppenberg gesorgt. Da die Ausstellung von Einschätzungscommissarien wimmelt, so durfte sich Referent, der unvorsichtigerweise beim großen Poppenberg gespeist hatte, nicht wundern, bereits beim Nachhausekommen eine Zuschickung vorzufinden, derzufolge er um drei Steuerstufen erhöht worden war.