Alexander Moszkowski (1851-1934)

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Der Verbieter
 
 

Und wieder in der Äonen Enteilen
War's Zeit, die Ämter der Menschheit zu teilen,
Und jedem auf seinen irdischen Geleisen
Die richtige Stellung anzuweisen.
Heut war der Tag der besondern Talente;
Da sah man Gesichter, sehr intelligente,
Die, wie dem Kenner der Augenschein lehrte,
Gehirne verrieten von höherem Werte.

Der Schöpfer nahm sich den ersten vor
Und leuchtete ihm in den Schädeltresor
Und sprach: "Da regen sich Geistesgewalten,
Du kannst das Leben zum Schauspiel gestalten,
Dir teilt sich von selbst die Welt, die kompakte,
In Bühnenbilder, in Szenen und Akte,
Dir ist auch die treffliche Kühnheit zu eigen,
Die innerste Dichterseele zu zeigen,
Fürwahr, da gibt es kein Schwanken für mich:
Zu einem Dramatiker stemple ich dich."

Gleich schob sich daneben ein Männchen herfür
Bebrillten Auges: "Und was wird mit mir?"

Der Meister untersuchte den Mann,
Und stellte die Diagnose alsdann:
"Da hast die besonderen Fähigkeiten,
Dem Dichterschaffen Pein zu bereiten,
Du siehst in deinem Sittengemüt
Versteckte Absicht, die keiner sonst sieht;
Du witterst Gefahren in tiefsten Gründen,
Weißt immer Bedenklichkeiten zu finden,
Und mußt somit zu der Dichtkunst Beschwerden
In dieser Weise beschäftigt werden.
Was jeder erschuf in des Dramas Bereichen,
Das wirst du verbieten, das wirst du streichen."

"Und du" Komm heran, auf daß ich dich prüfe!
Ich blicke in deines Hirnes Tiefe
Und sehe in seinen Ganglienzellen
Ein Maximum von bewegten Wellen.
Hier spiegelt sich ab im Vibrieren und Schwingen
Der Gegenwart Streben, Hasten und Ringen,
Du kannst der Zeiten Bewegen und Regen
In glitzernd farbige Strahlen zerlegen;
Besonders freut mich dein Enthusiasmus,
Dein Stil, deine Bildung, dein feiner Sarkasmus,
Dein Trotz, dich keinem zu unterwerfen,
Dein Trieb, das Gewissen der Mitwelt zu schärfen,
Du bist der geborene Redakteur,
Bist qualifiziert zum "Kommandeur",
So über dem Strich, als unter dem Strich, --
Zum Journalisten ernenne ich dich!"
Da war auch sofort der Bebrillte zur Stelle:
"Ich melde mich nochmals; für alle Fälle;
Ich muß mich doch auch für den Journalisten
Entsprechend der eignen Begabung rüsten."

"Gewiß! sprach der Meister, "du wirst durch die Zeiten
Den andern als steter Schatten begleiten;
Was jener geleistet in emsigem Rühren,
Das wirst du am nämlichen Tag konfiszieren;
Den Leitartikel, des Feuilletons Blüten,
Den Ernst und den Scherz, du wirst sie verbieten;
Du wirst ihn monierend, tadelnd, verhörend
Zu dir aufs Amt bestellen fortwährend;
Du wirst ihm bei häufigem Besuch beweisen,
Daß aller Beifall aus Leserkreisen,
Das alles, was er gewirkt und genützt,
Ihn nicht vor deiner Verachtung schützt;
Du wirst ihm Strafe und Buße diktieren,
Du wirst ihn nach Nummer Sicher spedieren
Und wirst, um seine Moral zu kräft'gen,
Den Mann mit Tütenkleben beschäft'gen."

So waren die Kompetenzen verteilt.
Zur rüstigen Arbeit mit Eifer enteilt,
Wer sich, von geistigem Auftrag betreut,
Des tüchtigen Intellektes erfreut.
Der eine schafft, und der andere verwehrt,
Der eine baut auf und der andre zerstört,
Der eine glänzt und der andere wütet,
Der eine wirkt und der andre verbietet.
So ist es heute, so bleibt es auch künftig,
Und Hegel sagt: "Alles, was ist, ist vernünftig!"