Alexander Moszkowski (1851-1934)

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Reichsmusikalische Zukunftsbilder.
 

Auszug aus dem Reichstagsbericht vom 1. April 1910.
 
 

Abg. Klingemann: Und deshalb, meine Herren, muß der Ruf nach Staatshilfe zu einer allgemeineren Forderung erweitert werden; wir brauchen, um es kurz zu sagen, die Verstaatlichung der Musik! Angesichts des ungeheuren, von allen Seiten zugestandenen Einflusses der Tonkunst auf die Volksseele kann es uns nicht gleichgiltig sein, in welcher Weise sie ausgeübt und gehandhabt wird. Geben wir endlich die mansterliche Anschauung auf, nach der es jedem unbetitelten Stümper frei stehen soll, sich in der musischen Arena so breit zu machen, als es ihm irgend beliebt; bringen wir Zucht, Ordnung, Oberaufsicht, amtliches Wesen in die Sache! Auf keinem Gebiete hat das Prinzip der Kokurrenz so verwüstend gewirkt, wie auf diesem: wir haben hundert Schulen, eben so viele Methoden und Richtungen, die einander ausschließen, ja bekämpfen, da sie an hundert divergierenden Strängen zerren. Da ist es denn selbstverständlich, daß die hieraus entspringenden Leistungen, anstatt sich zu summieren, einander aufheben und nullifizieren. Mit einem Worte: es fehlt die Organisation, die dem gesamten musikalischen Apparate ein bestimmtes Richtungsziel anweist und alle vorhandenen Kräfte zur Erreichung dieses Ziels zusammenfaßt. Indem ich hierfür den Staat als einzig zuständigen Faktor anrufe, lege ich meinen Antrag auf den Tisch des Hauses nieder. Sie werden ihm Ihre Zustimmung nicht versagen, nachdem Sie sich überzeugt haben, wie segensreich die Verstaatlichung auf allen verwandten Gebieten gewirkt hat.

Abg. Sondermeyer. Ich kenne die Stimmung dieses Hauses zu gut, um mich noch irgend welcher Hoffnung betreffs der Aufrechterhaltung der freien musikalischen Privatarbeit hinzugeben. Trotzdem halte ich es für meine Pflicht, in letzter Stunde darauf hinzuweisen, daß die angestrebte Verstaatlichung gerade dasjenige in der Kunst ersticken würde, was wir Kenner am höchsten an ihr schätzen; die Offenbarung der Individualität. Nicht Drill und planmäßige Schulung, nicht Zünfte noch Regeln haben die Musik vorwörts gebracht, sondern die Genies, sie, die sich stets abseits von der Heerstraße gehalten haben und kein Dogma, keine Autorität, keinen Zwang einer vorgeschriebenen Richtung anerkannten. Versuchen Sie es nicht, das Genie vor den Staatskarren zu spannen; es würde unter einem Joche mit dem musikalischen Rindvieh ziehend, bald genug kläglich zusammenbrechen. Kommt es aber dennoch, wie wir befürchten, zur Annahme des Klingemannschen Antrags, so soll dies wenigstens nicht ohne den lauten Protest derjenigen geschehen, die mit mir in dem freien Wettbewerb, in der ungehinderten Entfaltung der Einzelleistung das Heil der Kunst erblicken.

Abg. Geiger: Als wir vor drei Jahren die musikalischen Innungen beschlossen, haben wir bereits die nämlichen Unkenrufe gehört, die uns soeben aus dem Munde des Vorredners entgegenklangen. Sie wissen indes, wie segensvoll sich das Institut bewährt hat; ich, als Obermeister der Violinspieler, bin in der Lage hinzuzufügen, daß sich meine Standesgenossen dem milden Zwange der Innung freudig fügen, um ihre schützenden Privilegien zu genießen. Gehen wir deshalb getrost einen Schritt weiter; vereinigen wir die Bataillone, die wir heute in den Zünften der Streicher, Bläser und Komponisten erblicken, zu einer Armee und seien wir überzeugt, daß sie in der Hand unserer entschlossenen und zielbewußten Regierung Wunder thun wird. Als selbstverständlich setze ich voraus, daß nur Meister mit Charge, Gradabzeichen und Pensionsberechtigung in den großen staatlichen Verband übernommen werden.

Der Reichskanzler. Die Regierung steht dem Antrage sympathisch gegenüber und wird nach erfolgter Annahme sofort alle Maßregeln ergreifen, um an Stelle der obwaltenden Zersplitterung im musikalischen Betriebe Ordnung und Einheitlichkeit zu setzen. Über die Kostendeckung können wir uns ja in der nächsten Session unterhalten.
 

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Reichsanzeiger vom 1. April 1911.
 

Der Hauptmann Gemoll à la suite des zweiten Komponisten-Regiments ist zum Major befördert und mit der Führung des vierten Rheinischen Tonsetzer-Betaillons betraut werden. --

Auf Befehl des Korps-Kommandos tragen die Mannschaften der A-dur-Sektionen fortan drei Kreuze auf den Achselstücken.

Die Sängerin Amanda Schmetter von der fünften Sopran-Batterie zu Fuß ist wegen Versagens der höheren Töne zum Altistinnen-Train versetzt worden.
 

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Verordnungsblatt vom 1. April 1912:
 

Se. Excellenz der Minister der tonkünstlerischen Angelegenheiten hat nachstehende Verordnungen erlassen:

An Sonn- und Feiertagen darf fortab nur in den Vormittagsstunden von 10 bis 12 Uhr komponiert werden. Häusliches Klavierspielen ist erlaubt, dagegen wird hiermit verboten, über die Straße hinweg zu musizieren.

Nachdem im Musik-Aichungsamte ermittelt worden ist, welchem Kraftverbrauch eine bestimmte Tonleistung entspricht, wird hierdurch in Übereinstimmung mit den analogen Paragraphen des Arbeiterschutzes festgesetzt:

Kinder unter zwölf Jahren dürfen nur bis zu 200 Kilogramm täglich Pianoforte spielen.

Musikstücke, welche von Posaunisten und Trompetern mehr als fünf Kubikmeter Blaseluft beanspruchen, werden untersagt.

"Detonationen", welche sich im Bereiche des bel canto ereignen, fallen in Zukunft unter die Strafbestimmungen des Dynamitgesetzes.

Die Allegrosätze aller Symphonien unterliegen vom 1. Mai ab dem obrigkeitlich festgesetzten Einheitstempo. Die halben Noten entsprechen ausnahmslos einem Pendelschlag des 100 gestellten Reichsmetronomen, Verschleppungen oder Beschleunigungen ziehen die im Reichs-Vortragsgesetz vom 3. März 1912 bezeichneten Ordnungsstrafen nach sich.
 

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Amtliche Musikzeitung, bearbeitet im kritischen Büreau unter Aufsicht Geheimer Rezensions Räte:
 

Gestern fand im Treppenhause des neuen Mueums das erste der diesjährigen "optischen Konzerte" statt. Der ungeheure Raum war vollständig gefüllt, ein Beweis für die Beliebtheit, denen sich diese bildlich-musikalischen Paraden in weitesten Kreisen des Publikums erfreuen.

Das Problem, malerische Darstellungen in eine Folge von Tönen zu verwandeln, darf nach dem Ergebnis des gestrigen Abends als völlig gelöst betrachtet werden. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts, da der treffliche Erfinder Pleßner zuerst auf diese Möglichkeit hinwies, sind die Versuche nach dieser Richtung niemals zum Stillstand gekommen, bis es vor fünf Jahren, wie allgemein bekannt, endgiltig gelang, Lichtschwingungen durch Einschaltung elektrischer Ströme in Schallwellen umzusetzen. Zwei durch die Jahrtausende scharf getrennte Gebiete, wie die Welt des sichtbaren Scheins und die Welt des Klanges, sind dergestalt miteinander verschmolzen worden, und heute sind wir imstande, alles was sich dem Auge wahrnehmbar macht, dem Ohr zuzuführen, in Sonderheit die bildliche Darstellung symphonisch zu deuten und auszufolgern.

Unsere Väter und Großväter wußten, wie die Kaulbachschen Fresken aussehen; wir haben gestern staunend erfahren, wie sie klingen! Das gewaltige Optophon, jenes auf Verfügung des Ministers in der Reichs-Elektrizitätsanstalt erbaute Rieseninstrument, war so aufgestellt werden, daß es die Figuren der Fresken der Reihe nach bestrich und zum Ertönen brachte, wodurch wir den Eindruck gewannen, als ob die Kaulbachen Gruppen den melodiösen Kommentar zu ihrer eigenen Existenz lieferten.

Und da stellte sich die merkwürdige, wiewohl nicht gänzlich ungeahnte Erscheinung heraus, daß die erzielten Klangbilder, respektive Bildklänge, eine gewisse Ähnlichkeit mit denjenigen Kompositionen aufwiesen, welche die Privatmeister früherer Zeiten den nämlichen Stoffen angedeihen ließen. Der Kaulbachsche Babelturm erinnerte in mehreren Akkordfolgen lebhaft an den Chor aus Rubinsteins "Turmbau von Babel"; die Hunnenschlacht brachte etliche Modulationen, die sich in der gleichnamigen symphnoschen Dichtung von Liszt vorfinden, so daß wir kaum noch überrascht waren, als das Freskobild "die Reformation" mit einigen unverkennbaren Anklängen an das Allegro vivace der Mendelsohnschen Reformations-Symphonie einsetzte.

Was ergiebt sich daraus? Nichts anderes, als daß der Komponist als solcher vollkommen überflüssig ist, da seine Thätigkeit durch das jedenfalls ungleich korrekter arbeitende Optophon vollkommen ersetzt werden kann. In diesem Sinne sprachen sich bereits gestern die Spitzen der Musik-Behörden aus; die hiermit verknüpften Erwägungen dürften demnächst ihren Ausdruck in einem Gesetzentwurf finden, welcher der sinnlosen Vergeudung kompositorischer Geisteskräfte ein für alle mal einen Riegel vorschieben wird.

Das Publikum folgte den optophonischen Leistungen mit gespannter Aufmerksamkeit und klatschte, wie vorgeschrieben, im sechs-Achtel-Takte; die Beifallsstärke erhielt sich bis zum Schluß auf dem Teilstrich 8 der offiziell genehmigten Applaus-Skala.
 

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Zehn Jahre später. In der Musiker-Kantine:
 

Pauker Fellhuber: Kinder, wenn ich so in den alten Chroniken lese, wie es früher bei den Musik-Aufführungen zuging, da wird mir doch manchmal eigentümlich ums Herz; so eine Begeisterung wie anno dazumal kommt doch heute gar nicht mehr vor. Und das ist auch ganz natürlich: wie soll sich der Mensch enthusiasmieren, wenn alles reglementsmäßig erledigt und jeder Zweig der Tonkunst nach Schema so und so betrieben wird?

Bratschist Grifflinger: Na, und die Kosten! Wißt Ihr denn schon, daß die Präsenzstärke in den Streichquartetten abermals erhöht werden wird? Erst haben wir die Quartette hundertfach besetzt, dann kamen die Franzosen mit der zweihundertfachen und die Russen mit der dreihundertfachen Besetzung, und jetzt sollen wir uns gar so stark machen, daß wir nach zwei Fronten hin Kammermusik spielen können. Das ist die reine Schraube ohne Ende. Und wo bleibt da der Stil? Solche Stücke sind doch schließlich nicht dazu komponiert worden, um durch ihre Tongewalt Furcht und Schrecken einzuflößen, sondern um die Fähigkeit der Instrumente, intim mit einander zu plaudern, in zarten Klängen auszudrücken. Was wohl so ein alter Meister zu unserer jetzigen Staats-Massenmusik sagen würde!

Flötist Piepvogel: Vor allen Dingen würde er sich vergebens nach seinen geistigen Nachfolgern umsehen. Ehrlich gesagt, die optophonisch erzeugte Musik gefällt mir nicht. Das ist im Grunde doch nur Maschinenarbeit, ohne höheren Schwung und inneren Kern. Alle Veränderungen und Verbesserungen laufen seit Jahren immer darauf hinaus, daß an dem Staats-Instrument Optophon das Kaliber bald vergrößert, bald verengert wird, ganz wie bei den Kanonen.

Barytonist Schallknecht: Und wo sind die Zeiten hin, in denen der Sänger von sich sagen konnte: ich singe, wie ein Vogel singt, der in den Zweigen wohnet! Müssen wir nicht alle singen, wie es am grünen Tisch verordnet wird?

Tenor Drillhase: Wird schon wieder anders werden! Als ich heute auf den Büreau war, um meine Strafgelder für falsches Atemholen im Dienste zu erlegen, hörte ich vom Chef, daß die Regierung nächstens mit einer neuen Vorlage an den Reichstag kommen wird, weil die ganze staatliche Musikwirtschaft in ein großes Defizit umzuschlagen droht. Also: Aufhebung des Musikmonopols, Rückgabe der Tonkunst an die freie Konkurrenz, -- das ist so gut wie beschlossen.

Flötist Piepvogel: Ach wenns doch erst so weit wäre; dies giebt ein Freudenfest, ich komponiere Euch dazu eine Ode an die Privatmusik!

Barytonist Schallknecht: Aber nicht über das Thema: "Seid umschlungen, Millionen", denn an dieser Umschlingung haben wir lange genug gewürgt, sondern, wenn ich bitten darf, über das Motiv "Freiheit, die ich meine".

Bratschist Grifflinger: Und dann setzen wir uns wieder einmal zusammen und spielen uns eine Mozartsche Symphonie wie in alter Zeit, ohne Metronom frisch von der Leber herunter, wie's uns der Augenblick eingiebt; und dahinter soll kein obrigkeitlicher Beckmesser stehen, der uns die freien Schwingungen der Musikerseele als Verstöße gegen das Reglement ankreidet